Mittwoch, 17. August 2016

Der Krankheitsbegriff in der Psychiatrie

Als ich Anfang der 2000er mehr mit dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener zu tun hatte, begegnete ich zum ersten Mal der Aussage "Psychische Erkrankung? Gibt es nicht!". In dieser Ausschließlichkeit verwunderte mich dies und ich dachte, wie man auf so eine Idee kommen konnte, wo doch die ganze Welt von den psychisch Kranken spricht. Aber seitdem zucke ich innerlich immer zusammen, wenn ich von den psychisch Kranken rede oder schreibe. Wie kommt es genau dazu?

Was ist eigentlich das Kriterium dafür, dass ich mich als krank bezeichnen muss. Letztendlich legt das der Arzt fest. In der somatischen Medizin gibt es da meistens messbare Grenzwerte oder andere eindeutig nachweisbare Sachverhalte. Wenn man da genau hinschaut ist es auch nicht mehr so einfach, denn Grenzwerte werden festgelegt und können sich ändern, wobei dann mit einem geänderte Grenzwert die Krankheit "verschwindet". Aber eine gewisse Klarheit herrscht da schon.

Bei den psychisch Erkrankungen ist es da deutlich schwieriger Kriterien festzulegen. Die Diagnosen der Psychiatrie beruhen auf Einschätzungen und Beobachtungen der Symptome. Es gibt keine messbare Sicherheit. Was gestern noch als Erkrankung galt, kann morgen schon gesund sein. Der Krankheitsbegriff der Psychiatrie ist in hohem Maße von den aktuell gültigen Übereinkommen der Gesellschaft abhängig. Oft wird die Homosexualität als Beispiel dafür erwähnt, die noch vor Jahren als Krankheit galt, ja homosexuelle Handlungen waren vor längerer Zeit noch strafbar. Aber auch in den Klassifikationssystemen der Psychiater wie ICD 10 oder DSM-5 kommen ständig neue Krankheitsdefinitionen dazu.

Für mich persönlich ist Krankheit mit Leiden verbunden und mit einer deutliche Einschränkung der Fähigkeit den Alltag zu bewältigen. Ein Mensch, der aus Angst seine Wohnung nicht mehr verlassen kann und somit Hilfe braucht, um überhaupt zu überleben, hat eine psychische Erkrankung, Ein anderer Mensch, der von der Vorstellung gequält wird von seinen Kollegen verfolgt zu werden und dadurch nicht mehr zur Arbeit gehen kann, ist psychisch krank.

Aber wo wird die Grenze zur Krankheit überschritten und was ist, wenn der betreffende Mensch sich gar nicht krank fühlt? Ist man oft nicht viel zu schnell damit, einem Menschen eine psychische Erkrankung zuzuschreiben. Einerseits entlastet den Betroffenen die Bezeichnung krank, da er jetzt ein Recht auf Hilfen hat oder das Recht, nicht mehr zur Arbeit gehen zu müssen. Andererseits bedeutet es einen Menschen als krank zu definieren, diesen auszusortieren, ihm den Stempel aufzudrücken, er könne nicht mehr mithalten. Und gerade bei psychischen Erkrankungen, die Menschen häufig schwierig machen, ist die Gefahr groß, diese als Kranke abzuschieben ins psychiatrische Hilfesystem, in die Rente, in die Grundsicherung und sich nicht die Mühe zu machen, sich mit diesem Menschen auseinander zu setzen oder in der Arbeitswelt zu halten. Hier ist die Gefahr Menschen Unrecht zu tun ungleich größer als in der somatischen Medizin.

Ich möchte nicht so weit gehen, den Krankheitsbegriff in der Psychiatrie ganz abzuschaffen, dafür gibt es für mich auch zu eindeutige Fälle, wo ich die Zuschreibung Krankheit für mich zulassen kann. Aber es ist wichtig, sich dich Sensibilität für dieses Thema zu erhalten und bei allgemeinen Aussagen darauf zu achten, das Wort Krankheit unreflektiert zu gebrauchen. Es ist oft zutreffender Menschen seelische Belastungen zuzuschreiben, als sie vorschnell als krank zu bezeichnen. Auch das Wort Behinderung finde ich im Prinzip nicht unangemessen. Es trifft doch häufig zu, dass Menschen durch seelische Phänomene in ihren Möglichkeiten behindert sind und drückt keine Abwertung aus. Leider wird bei uns Behinderung immer noch mit etwas Minderwertigen in Verbindung gebracht, weshalb sich viele psychisch leidende Menschen gegen den Begriff behindert wehren. Hoffen wir, dass die neue Definition von Behinderung der UN-Behindertenrechtskonvention da etwas ändert. Hier ist man/frau nicht nur behindert, sondern man/frau wird auch behindert.

Die Menschen die psychiatrische Diagnosen bekommen haben, gaben sich Anfang der 1990er Jahre den Namen Psychiatrieerfahrene. Dies beschreibt den Umstand, dass man/frau mit psyschiatrischer Behandlung in Berührung gekommen ist und sagt nichts über die Person selbst aus. Allerdings gibt es auch Menschen, die seelisch belastet sind und noch in keiner psychiatrischen Behandlung waren. In der Fachwelt hat sich die Bezeichnung Psychiatrieerfahrene durchgesetzt, allerdings ist dieser Begriff insofern unscharf, als dass zum Beispiel psychiatrische Fachkräfte auch Erfahrungen mit der Psychiatrie haben.

Die EX-IN Bewegung spricht von seelischen Erschütterungen, was ein sehr weicher Ausdruck ist und nahezu jeden Menschen in irgendeiner Form anspricht.

Marktplatz Emmendingen

Hier sitze ich im Sommer in Emmendingen am liebsten - Lokal Palio im alten Rathaus. 



Die ist die Vorzeigetouristraße in Emmendingen: die Lammstraße.


Montag, 15. August 2016

Haushaltstagebuch - let's go

So diesmal möchte ich mich einem für mich schwierigen und sehr persönlichen Thema widmen, nämlich der Selbstständigkeit:

Es fing bei mir schon sehr früh an. Ich erkrankte mit 9 Jahren an einer schweren Hirnhautentzündung, die ich nur knapp überlebte. Es war aber eine seltene Form und Gott sei Dank konnte ich danach wieder normal am Schulunterricht teilnehmen. Ich schaffte es sogar nach 100 Tagen Klinikaufenthalt ohne Sitzenbleiben durchzukommen. Ich war trotzdem immer ein relativ guter Schüler - nie Spitze, immer so zwischen 2 und 3.

Aber schon damals wurde ich das Sorgenkind der Familie und wurde meinem Bruder vorgezogen. Zumal der schulisch nicht so erfolgreich war wie ich und kein Abitur machte.
Genau vor diesem Abitur erwischte mich dann mit 19 Jahren meine erste Psychose und ich durchlebte die schizophrene Hölle, wobei ich nicht weiß, was schlimmer war, die Erkrankung oder die Erlebnisse in der Psychiatrie von 1981 -  das beeinflusste sich ja auch gegenseitig.
Also wurde ich wieder das Sorgenkind und dieses Image legte ich bei meiner Mutter bis zu ihrem Tod 2013 nicht mehr ab. 

1992 verlor ich in Horb meine Anstellung und zog für 10 Jahre wieder zurück ins Elternhaus - ins Hotel Mamma. Ich fiel 5 Jahre in eine schwere Depression. Ich redete kaum noch, lag viel im Bett und auf dem Sofa, spürte nur noch Schwere und Verzweiflung und verlor jegliches Selbstwertgefühl. Auch hier beeinflussten sich zwei Fakten gegenseitig. Auf der einen Seite war die Depression, aber auf der anderen Seite auch die übertriebene Fürsorge meiner Mutter. Ich hatte ja noch nie etwas zuhause im Haushalt tun müssen, aber jetzt bekam ich jeden Handgriff abgenommen. Ich hospitalisierte sozusagen im Elternhaus. 

2002 zog ich dann ganz unerwartet in eine eigene Wohnung. Aber auch hier unterstütze mich meine Mutter permanent im Haushalt. Ich verbot ihr mal sogar mich in meiner Wohnung zu besuchen, was ich 3 Monate aushielt - dann freute sie sich, als ich sie wieder um ihre Unterstützung bat.

Bis heute habe ich es nicht geschafft ein selbstständiger Mann zu werden. Von 2002-2010 lebte ich so recht und schlecht alleine - wie gesagt: mit der Unterstützung meiner Mutter. Als ich dann mit Karin, die ich 2010 heiratete, zusammenzog, lernte ich viel dazu. Allerdings hielt ich das nicht lange aus. Meine Betätigung im Haushalt wurde immer weniger.. Die Küche wurde mein Gebiet, das heißt ich koche für uns und halte die Küche so einigermaßen in Ordnung. Die Wäsche macht Karin und den Rest auch. Immerhin gehe ich meistens Einkaufen. Aber das eigentliche Management des Haushaltes macht Karin.

Schon bevor wir zusammengezogen sind, habe ich auf einem Autobahnrasthof einen Magnet mit der Aufschrift "Auf die Meinung des Hausherrn kommt es hier nicht an. Fragen Sie die Managerin" gekauft. Das ist wohl schon überzogen formuliert, aber ein Fünkchen Wahrheit steckt schon drin, denn die eigentliche Managerin unseres Alltages ist Karin, weil ich dazu nicht in der Lage bin und es mir auch diesbezüglich sehr bequem mache. Das heißt, ich darf mich nicht beklagen, denn es läge ja an mir, diesen Zustand zu ändern. 

Aber wie bekomme ich das hin? Antwort: Mit einem starken Willen und Disziplin. Aber vor allem an letzterem mangelt es mir immer schon. Ich lebe schon immer vorwiegend nach dem Lustprinzip. Bei meiner Arbeit bin ich diszipliniert, aber sonst gehe ich meist den bequemen Weg - wie es mir schon seinerzeit mein Vater vorgeworfen hat.

So, bevor mein Post jetzt aber vor Selbstmitleid drift, möchte ich betonen, dass alleine ich dafür verantwortlich bin, wie ich lebe. Sicherlich hat mich meine Erziehung geprägt und meine Erkrankung hat mich auch stark daran gehindert einen selbstständigen Weg zu gehen, weil ich zeitweise schon auf die Hilfe meiner Eltern angewiesen war. Aber ehrlich gesagt, hätte ich schon die Gelegenheit gehabt, mich zu ändern - wenn ich wirklich gewollt hätte.

Und so habe ich in vielen Gesprächen mit vielen Sozialarbeitern und Psychologen diese Themen beackert und nicht hat sich geändert. 

Nun stellt sich also die Frage: Ist das Alles noch zu ändern oder nicht? Eigentlich vertrete ich ja die Haltung, dass man/frau sich bis ins Alter hinein noch ändern kann. Ist heute der erste Tag der Änderung? Soll ich ein Haushaltstagebuch führen? Ich liebe es doch Daten zu erfassen, wie ich es jetzt mit meinem Schrittzähler tue, um mich mehr zu bewegen. Ist doch vielleicht wirklich eine gute Idee?

Ok, heute ist der erste Tag meines restlichen Lebens. Let's go Haushaltstagebuch.

Donnerstag, 4. August 2016

Bis Asche aus mir wird

Über Facebook und die Nachrichten schauen wir in eine Welt, die sich radikalisiert, die kriegerischer wird, wo Vertreibung, Gewalt, Folter und Mord Tagesordnung ist.

Ich rette mich in meine kleine Welt. Ein kleiner Rentner, mit einer psychischen Belastung und mit dem gelegentlichen Irrglauben wichtig zu sein.

Ich gehe gewohnte Wege, bin abends zuhause und mache meine Urlaube im Umkreis von maximal 200 Kilometer. Meine Sorgen beschränken sich darauf, dass meine Frau gesund bleibt und wie es mit meiner kranken Schwiegermutter weitergeht. Ein Leben wie im Paradies.
Auch eine Art des Wegsehens. Wäre es nicht notwendig Farbe zu bekennen? Gegen Krieg, gegen Rassismus, für Frieden und Freiheit für alle Menschen, für die Liebe? Laut werden, schrein, sich empören?

Wenn ich andere frage, wie sie mit der Weltlage zurecht kommen, antworten sie, ein guter Mensch im nächsten Umfeld sein und ansonsten weiterleben wie bisher - am besten ohne schlechtes Gewissen. Genügt das? Aber was soll ich tun. Ich veröffentliche meine Meinung in Facebook und ansonsten bin ich in einem mehr oder weniger apolitischen Umfeld. Will die Psychiatrie verbessern, psychisch leidenden Menschen helfen - aber ja nicht über den Tellerrand blicken.

Mir gefallen Konstantin Wecker, Eugen Drewermann und seit kurzem Sarah Wagenknecht. Aber eher weil sie mir imponieren. Ihr Mut, ihre Bildung und ihre Konsequenz. Ich selbst fühle mich da manchmal wie ein Abziehbild. Ich werde ja schon unsicher, wenn die Nachbarin im Netz Stimmung gegen Flüchtlinge macht oder wenn andere mich mit ihren Ängsten vor der Islamisierung Deutschlands anstecken. Wo ist sie hin, die Willkommenskultur?

Europa rückt nach rechts und ich halbherzig nach links. Morgen werde ich zum Arzt gehen und mittags zur Vorstandssitzung - alles wie gehabt.

Ach ja, und dann noch kurz mal wieder einen Jammertext loslassen, wie schlecht die Welt und wie schlecht ich selbst bin. Bis die Augen zufallen und Asche aus mir wird.