Sonntag, 20. November 2016

Brief an Gott (Nr. 1): Du bist - basta.

Lieber Gott,

heute schreibe ich dir also meinen ersten Brief. Gerade ist Karin in der Versammlung und ich habe mir vorgenommen, diese Zeit dir zu widmen und dir zu schreiben.

Mir geht's zur Zeit sehr gut. Meine Arbeit macht mir Freude und in der Ehe mit Karin gibt es auch keine existenziellen Probleme.

Sicher ist es ungut, dass inzwischen Karin den ganzen Haushalt macht und sie hat sich deswegen auch schon zu Recht beklagt. Ich sollte mich wirklich bemühen diesen Zustand zu ändern. Ich könnte gut auch die Wäsche übernehmen. Aber warum schreibe ich da im Konjunktiv? Ich werde mehr im Haushalt machen und ich werde in Zukunft die Wäsche machen, sind doch die richtigen Formulierungen, oder was meinst du, lieber Gott?

Der Haushalt, wie die Körperpflege, sind Lebensthemen für mich. Wird es mit jemals gelingen, hier nachhaltige Veränderungen zu erreichen? Wenn ein wirklicher Wille da ist, dann müsste das doch zu schaffen sein. Ich bin einfach saumäßig bequem und gewohnt, dass mir der Haushalt gemacht wird. Auch meinem Körper gegenüber bin ich nachlässig, was sich irgendwann mal bitter rächen wird. Oder soll ich es aufgeben und es einfach so akzeptieren wie es ist, nach 55 Jahren? Damit will ich mich dann eben auch nicht zufrieden geben, weil es meinen inneren Werten widerspricht.

Aber zurück zu dir, lieber Gott.

Geht es dir auch gut? Geht es Gott eigentlich immer gut? Bestimmt nicht. Du bist sicherlich auch nicht glücklich über die Menschen. Wie sie sich gegenseitig bekämpfen, foltern, quälen und ermorden. Zudem zerstören sie ihre eigenen Lebensgrundlagen und verändern die Natur so, dass sie nicht mehr so ist, wie du sie ursprünglich für uns gemacht hast.

Na ja, du hast dir das mit dem freien Willen selbst ausgesucht und das hast du jetzt davon.

Aber irgendwann willst du Jesus ja wieder zu uns schicken und dafür sorgen, dass es uns dann gut geht. Vermutlich werde ich das nicht mehr erleben, aber keiner weiß ja, wann es soweit ist. Ehrlich gesagt kann ich es mir auch nicht vorstellen, wie es ist, wenn dann auf einmal Engel auftauchen oder die apokalyptischen Reiter. Vielleicht darf man deine Bibel auch wirklich nicht wörtlich nehmen, wie es die meisten Theologen heute machen. Aber sowie man interpretiert, gibt es eben auch zahlreiche Arten der Interpretation. Manchmal bis zu Beliebigkeit, wie es mir manchmal erscheint.

Richtig ernsthaft gefragt, ob es dich eigentlich gibt, habe ich mich eigentlich noch nie. Für mich bist du eine Tatsache, die nicht der Begründung bedarf. Du bist - basta. Weiß auch nicht, wie ich zu dieser Überzeugung gekommen bin. Vermutlich liegt es an der Art und Weise, wie mir meine Mutter den christlichen Glauben nahe gebracht. Sie hat einen Samen gepflanzt, der schnell aufging und einen festen Platz in meiner Seele gefunden hat.

Umso mehr irritiert es mich, wie sich Mutter vor ihrem Tod noch verändert hat. Sie wurde störisch, ungerecht und überhaupt schwierig. Wo war die zugewandte, wohlwollende, liebevolle Mutter geblieben? Es macht Angst, wenn man sieht, dass das Alter den Menschen nochmal grundsätzlich verändern kann oder kommen hier Anteile hoch, die in jüngeren Jahren nur unterdrückt worden waren?

So lieber Gott. Jetzt beende ich diesen Brief und hoffe, dass es dir gut geht. Und danke fürs Lesen, obwohl du ja wirklich viel zu tun hast.

Liebe Grüße
Rainer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen