Mittwoch, 23. November 2016

Brief über Elternhaus und Empathiefähigkeit

Liebe/r FreundIn, 

danke für deine ausführlichen Zeilen. Ich bin von deinen Schilderungen sehr berührt. Es zeigt eben, dass wir ab einem bestimmten Alter alle auf eine lange Lebensstrecke zurückblicken können. Und bei uns Psychiatrieerfahrenen ist es oft ein Weg des Leidens und des Schmerzes. 

Manche von uns haben das Glück, die Persönlichkeit und/oder die Fähigkeiten und den Willen, diese Herausforderungen zu bestehen und gestärkt aus den schwierigen Zeiten hervorzugehen. Manchen gelingt es nicht. Die finden wir dann im schlimmsten Falle in den Heimen oder auf der Straße wieder - oft zerbochen, verbittert, mut- und hoffnungslos und in einem katastrophalen gesundheitlichen Zustand. 

Viel macht dabei unser Elternhaus aus. Ich weiß nicht, was du für Erfahrungen mit deinen Eltern gemacht hast, aber ich weiß, dass mich meine Eltern sehr geliebt haben und es ihnen immer ein Anliegen war, dass es mir gut geht. 

Gewiss, mein Vater war ein Alkoholiker, vor dessen agressiv-männlichen Ausstrahlung ich bis zu seinem Tode 1998 mit 71 Jahren Angst hatte. 

Gewiss meine Mutter war eine Frau, die mich aus welchen Gründen auch immer, nicht loslassen konnte und einen verwöhnten, unselbstständigen Mensch aus mir machte. Sie war 2x in der Psychiatrie wegen Depressionen, hat einen Suizidversuch hinter sich und starb im August 2013. Sie musste viel leiden in ihrem Leben - an sich selbst und unter meinem Vater. Ihr Leben begann quasi mit dem Tod meines Vaters. Ich vermute, du weißt, was ich meine. 

Aber beide waren tolle Menschen und eben in ihren Grenzen gefangen. Sie haben mir einen Optimismus und Lebenswillen mitgegeben, die mich gerettet haben. Sie haben mich nie klein gemacht und gedemütigt, wie es so viele von uns auszuhalten haben. Und sie haben mir alle Werte mitgegeben, die wichtig für ein ordentliches Leben sind. Ich sage trotz allem, ich hatte ein gutes Elternhaus. 

Gerade hatte ich ein interessantes Erlebnis mit Georg Schulte-Kemna, ehemals Leiter der Sozialpsychiatrie der Bruderhausdiakonie in Reutlingen hier. 

Ich hatte ja meinen Text "Wege zur Interessenvertretung Psychiatrieerfahrener im Gemeindepsychiatrischen Verbund" unserer AG Partizipation Baden-Württemberg vorgelegt und um Rückmeldung gebeten. Er sagte dann, dass in meinem Text der Aspekt der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen und der zugehörige Leidensdruck fehle, um Veränderungen zu erreichen. Mir ist mit dieser Kritik klar geworden, dass mir meine Motivation für mein Engagement tatsächlich nicht aus dieser Quelle gespeist wird, sondern ich einfach den Wunsch habe die Psychiatrie für uns Psychiatrieerfahrene besser zu machen. Sicher ich sehe schon immer wieder die Mängel, aber eigentlich bin ich nicht wirklich empört über die Zustände. Mag das an fehlender Empathie oder sogar an einer gewissen Gleichgültigkeit liegen, aber es ist so. 

Ich arbeite schon seit Jahrzehnten an mir empathischer zu werden und habe die Erfahrung machen müssen, dass Erfolge da sehr schwer zu erreichen sind. Es ist für mich ein sehr hoher Wert mitfühlend und zugewandt zu sein. Und es macht mich immer wieder traurig, dass mir das für mich nur unzureichend gelingt. Sicher, ich habe mit Verhaltensweisen angewöhnt, die meine Unberührtheit kaschieren. Aber mein Herz wünscht sich mehr. 

So, jetzt schließe ich diese Mail und habe ein komisches Gefühl wegen meiner Offenheit. Trotzdem überlege ich, ob ich sie auf meinen Blog stellen soll. Kannst ja mal auf www.gblog.hoeflacher.info schauen, wenn's dich interessiert. 

Lass es dir gut gehen und pass auf dich auf. 

Herzliche Grüße 

Rainer 

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