Donnerstag, 24. November 2016

Persönliches zu Selbstbestimmung und Inklusion

Ich sage immer wieder zu meiner Frau, da wir beide nicht mehr im Berufsleben stehen und unser Auskommen großteils von der Rentenversicherung bekommen, sind wir vom Staat abhängig. Das hat den Nachteil, dass wir sehr zu meinem Bedauern nicht mehr aus eigener Kraft unseren Lebensunterhalt sichern können, aber hat auch den Vorteil, dass wir von keinen Arbeitgebern und Kollegen abhängig sind. Da ich schon sehr lange berentet bin und mich auch nicht von den Nachbarn abhängig gemacht habe, habe ich viel mehr unter meiner Selbststigmatisierung gelitten, als unter Stigmatisierung und Fremdbestimmung. Zumal ich mir als Freunde und Bekannte andere Psychiatrieerfahrene gesucht habe und dort auf viel Verständnis gestoßen bin. Ich musste mich so nie der Kritik der Normalbürger oder auch Stammtischparolen stellen. Ich sage manchmal von mir, dass ich ein Inklusionsversager bin, da ich inzwischen gar keinen großen Wert mehr darauf lege inmitten der Gesellschaft zu leben, meine psychiatrieerfahrene Kollegen und meine Arbeit geben mir alles was ich brauche - gelegentlich auch den Zweifel und die Trauer. Wenn ich einen anderen Psychiatrieerfahrene treffe, bin ich in kürzester Zeit in einer menschlichen Tiefe, wie ich bei den meisten nichtpsychiatrieerfahrenen Menschen erst nach langen "Vorbereitungsgesprächen" oder auch nie komme. Ich weiß, dass dadurch mein Horizont reduziert ist, aber es geht mir gut damit. Einer meiner Big Five For Life ist "Tiefe Beziehungen leben" und das gelingt mir eben eher mjt Psychiatrieerfahrenen. 

Aber jetzt bin ich ganz vom Thema Selbst- und Fremdbestimmung abgekommen, außer dass ich mich von der Euphorie um die Inklusion nicht fremdbestimmen lasse, wie auch von der zunehmenden Bedeutung des Selbstbestimmungsprinzips, selbst wenn diese wirklich gesellschaftlich für viele sicherlich erstrebenswert sind. 

Übrigens würde ich mich sicherlich sofort beklagen, wenn ich mein hohes Maß an persönlicher Freiheit verlieren würde. Ich war schon vom Elternhaus her, eher zu wenig eingeschränkt, was meiner persönlichen Entwicklung nicht immer gut getan hat - bis heute. 

Wer nie wirklich unter Fremdbestimmung gelitten hat, der verkennt vielleicht auch den hohen Wert der Selbstbestimmung. 

Herzliche Grüße aus Berlin

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