Sonntag, 24. Dezember 2017

Heiliger Abend in Rainers Welt

Er saß seit langem mal wieder vor seinem Ultrabook. Leise spielte Saxophonmusik im Hintergrund. Sie lag lesend neben ihm auf der Couch. Seine Gedanken suchten Halt. Er hörte in sich hinein. Das war kein Glück. Das waren auch keine anderen großen Gefühle. Einfach ein ruhiger Spätnachmittag, der ausgefüllt werden wollte. Er entschloss sich zu schreiben. Schrieb drauf los, ohne groß zu überlegen. Keine ausgeklügelte Geschichte, nicht einmal eine Erzählung, sondern eine Beschreibung; des Moments, der reinen Befindlichkeit.
Er hatte sich fest vorgenommen ihr ein schönes Weihnachten zu schenken und hoffte seine Stimmungen in den Griff zu bekommen. Bisher war es gut gelungen. Er konnte bei ihr sein, ohne von seinen Erwartungen unter Druck gesetzt zu werden. Immerhin war Weihnachten. Eigentlich eine Zeit der besonderen Art und er wollte dieses Jahr Weihnachten echt erleben. Aber nicht indem er sie damit unter Druck setzte. Mit Zuneigung und Liebe im Herzen wollte er die Zeit mit ihr verbringen.
Würde ihm das gelingen? Er wusste um seine Dämonen, die sich ihm immer wieder in der Weg stellten: Schlechte Laune, Gereiztheit, Genervtsein wegen Kleinigkeiten. So oft im Mittelpunkt sein eigenes Ego. So oft ein Hindernis sein Ego.
Die Musik begann ihn zu stören. Er und sie waren sich einig. Er hielt die App an und plötzlich war es erlösend still. Nur der Lüfter des Ultrabooks und das Ticken der Uhr waren noch hörbar.
Er versuchte seinen gedanklichen Faden wieder aufzunehmen.
Ja, Weihnachten, Liebe, Harmonie. Wann begann eigentlich der Heilige Abend? Jetzt war 17 Uhr. Noch zu früh für die Geschenke? Er hatte einen Gutschein für 2 Massagetermine für sie. Dann noch ihre Wunschpralinen und ein Rießenpaket Sadex Brausestäbchen. Die wollte sie vor ein paar Tagen und er hatte sie im Supermarkt nirgends gefunden. Er war gespannt, was sie dazu sagen würde. Übrigens aß er die Stäbchen selbst gerne. Und am Donnerstag konnte er ein paar Tütchen zum Gruppentreffen mitnehmen. Eigentlich mag Sadex Brausestäbchen doch jeder. Sie würden die Großpackung schon leer bekommen.
Sein Blick wanderte durch das Wohnzimmer. Das war ihr Werk. Er war nicht häuslich. Sie bot ihm ein Heim. Ein Ort zum zurückkommen. Für ihn mehr ein Ort des Wohlfühlens als für sie. Er hatte noch nie so schön gewohnt. Ein geordnetes, kleinbürgerliches Leben. Zuletzt hatte er das im Elternhaus. Danach wurde es chaotisch und randständig. Es gelang im damals nur bedingt sein Leben in den Griff zu bekommen. Jetzt war der Kühlschrank immer voll. Sie erinnerte ihn an seine Medikamente, wenn er Gefahr lief sie wieder mal zu vergessen. Sie war ihm eine Stütze für ein gesundes, solides Leben. Inzwischen war er 7 Jahre verheiratet. Unglaublich. Trotz seiner Erkrankung, trotz seiner Frührente seit 21 Jahren. Das Leben meinte es gut mit ihm. 
Ach ja, Weihnachten, Heiliger Abend, große Gefühle. Hatte er doch fast schon vergessen. Und da war ja noch das Jesuskind. Was würde Jesus zu ihm sagen, wenn er ihm jetzt über die Schulter schaute? Quatsch. Jesus war doch bei ihm. Jeden Tag. Jede Sekunde. Früher hatte er Probleme mit Jesus gehabt. Gott war ok, aber dieser Jesus wollte einfach nicht so sein, wie er es gerne gehabt hätte. Gott war immer für ihn da, aber Jesus hatte seinen eigenen Kopf. So kam es ihm wenigstens vor. Gott sprach zu ihm, wenn er ihn brauchte, aber Jesus schwieg oft. Oder führte er sowieso nur Selbstgespräche? Gab sich selbst die Antworten, die er gerne hörte? Lobte sich selbst? Gab sich selbst Ratschläge? Machte sich selbst Mut? Wollte er sich selbst wichtig machen, indem er Stimmen schuf, die gar kein eigenes Wesen hatten?
Jesus, ja er wollte unbedingt eine gute Beziehung zu Jesus. An Jesus lag es wohl nicht, aber bei ihm lief irgendetwas falsch. Seit einiger Zeit hatte er sich Jesus angenähert. Er brauchte Jesus, um seine Dämonen zu besiegen. Würde er es schaffen sich noch so sehr zu ändern? Sicher ging das nur in kleinen Schritten, aber er war in den letzten Jahren weitergekommen. Er war menschlicher geworden, empathischer. Er hatte viel von ihr gelernt und er wollte diesen Weg weiter gehen. Er wollte Jesus zum Freund und dazu musste er sich selbst bewegen. Wie gesagt, an Jesus lag es nicht.
Es war jetzt halb elf Uhr und der Heilige Abend lag jetzt Großteils hinter ihm. Er hatte es geschafft. Er war freundlich und zugewandt geblieben. Er hatte den Eindruck sie hatte einen schönen Tag gehabt. Und so sollte es weitergehen.



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